Die besten Filme 2025

Das Filmjahr 2025 ist zu Ende und bevor ich wie jedes Jahr meine Kinobesuche statistisch auswerte, will ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, meine Lieblingsfilme des Jahres zu küren. Es war keine leichte Aufgabe aus all den Filmen die prägendsten Werke auszuwählen, aber ich habe es schliesslich geschafft, eine stimmige Top 20 zusammenzustellen.

Auch in diesem Jahr gibt es auch viele Abwesende: Filme, von denen ich mir zwar viel versprochen habe, die ich aber verpasst, bzw. noch nicht gesehen habe – «Sinners» von Ryan Coogler oder «Sentimental Value» von Joachim Trier, etwa. Mal schauen, ob ich, wenn ich sie dann gesehen habe, auch sagen würde, dass sie auf die Liste gehört hätten.

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Meine liebsten Kurzfilme 2025 findest du hier.

 

20: Les Courageux

Regie: Jasmin Gordon

Die alleinerziehende Mutter Jule möchte ihren Kindern eigentlich nur beweisen, dass sie eine gute Mutter ist – allen Vorstrafen und Vorurteilen zum Trotz. Doch die Gesellschaft geht nicht gerade zimperlich mit Müttern um, die fehlbar sind. So schauen wir der hingebungsvollen Jule – mit einer wohltuenden Mischung aus Herzlichkeit und Aufgeregtheit verkörpert von Ophélia Kolb – in «Les Courageux» vor allem beim Scheitern zu. Dass es dabei immer wieder unempathische Männer in Machtpositionen sind, die Jules Neustart im Weg stehen, ist kein Zufall.

Regisseurin Jasmin Gordon baut die Geschichte wie ein Puzzle auf, bei dem wir erst nach und nach die Hintergrundgeschichte der Figuren entschlüsseln. Das ist mehr als nur ein erzählerischer Kniff: Wir erleben das Gezeigte durch die Augen der drei Kinder, die vom Treiben ihrer Mutter mitgerissen werden und ihm regelrecht ausgeliefert sind und die auch nur stets die halbe Wahrheit kennen – und geraten, ob wir es wollen oder nicht, in den Sog dieses aufwühlenden Familiendramas. «Les Courageux» ist ein beeindruckendes Regiedebüt, das inszeniert ist, wie seine Protagonistin ihr Leben lebt: mal sanft, mal ungestüm, aber immer mit ganz viel Liebe.

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19: Frankenstein

Regie: Guillermo del Toro

Die Geschichte der von einem Wissenschaftler zum Leben erweckten Kreatur erzählt «Frankenstein» aus zwei Perspektiven: Zunächst aus jener des Forschers Victor Frankenstein– zu sehen: ein grandioser Oscar Isaac –, danach aus jener der Kreatur selbst – überragend in jedem Sinn: Jacob Elordi.

In welchem Teil der Kreatur, dieses aus Leichenstücken zusammengeflickten Wesens, denn nun die Seele sitze, wird dessen Erschaffer an einer Stelle in Guillermo del Toros Literaturverfilmung gefragt. Victor Frankenstein weiss darauf keine Antwort.

Mächtige Männer, die Gott spielen, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen gemacht zu haben – «Frankenstein» mag zwar gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielen, die Themen, die er setzt, sind jedoch hochaktuell. Ob Klimawandel, künstliche Intelligenz – gegen deren Einsatz in der Kunst sich del Toro immer wieder lautstark ausspricht –, oder die Aushöhlung der Demokratie: Das Monster, das wir schufen, werden wir so leicht nicht mehr los.

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18: KPop Demon Hunters

Regie: Maggie Kang & Chris Applehans

Wenn man vom etwas gar generischen Drehbuch absieht, glänzt der Animationsfilm «KPop Demon Hunters» durch viel Einfallsreichtum, Innovation und Witz. Die rasante Geschichte über ein KPop-Trio, das im Geheimen die Welt vor Dämonen beschützen muss, ist mit viel Liebe für die KPop-Welt, aber auch die koreanische Mythologie inszeniert. Mit seinen eingängigen Songs und liebenswürdigen Hauptfiguren ist der Film von Maggie Kang und Chris Applehans nicht nur charmant erzählt, sondern vor allem auch visuell beeindruckend umgesetzt.

Der ungewohnte Frame-Rate-Mix (während sich die Umgebung mit 24 Bildern pro Sekunde bewegt, sind die drei Hauptfiguren meist mit 12 Bildern pro Sekunde animiert) sorgt für einen haptischen Look, während die Action- und Musiksequenzen dynamisch und stimmungsvoll choreographiert und inszeniert sind. Man merkt «KPop Demon Hunters» zu jedem Zeitpunkt an, wieviel Spass alle Beteiligten bei diesem Projekt hatten.

17: Mickey 17

Regie: Bong Joon-ho

Die Menschheit reist zu fernen Welten, an Bord dieses Raumschiffes ist der schrullige Mickey. Als sogenannter «Expendable» muss er als Versuchskaninchen für allerlei Experimente herhalten – schliesslich kann er nach seinem Tod jederzeit neu gedruckt werden. Als plötzlich zwei Mickeys gleichzeitig existieren, gefährdet das die Mission.

Wem es zu plump ist, wenn Mark Ruffalo als gescheiterter Businesskerl und Politiker mit falschen Zähnen und einer Schar von Fans mit roten Hüetli die Menschheit retten will – möglichst fotogen, wenn’s geht –, wird mit «Mickey 17» kaum glücklich werden. Wer sich jedoch auf Regisseur Bongs hochpolitisches, referenzenbeladenes Sci-Fi-Spektakel – das von «Nausicaä in the Valley of the Wind» bis «The Empire Strikes Back» reicht – einlässt, kommt auf die Kosten. Dies nicht zuletzt dank eines überragenden Robert Pattinson, der in einer Doppel-Hauptrolle sein ganzes Können beweist.

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16: A Real Pain

Regie: Jesse Eisenberg

«A Real Pain» erzählt von zwei US-Cousins, die nach Polen reisen, um mehr über das Land ihrer Grossmutter zu erfahren – und sich dabei auch selber noch einmal neu kennenlernen. Unter der Regie von Jesse Eisenberg entsteht ein sperriger Film, der weder rührseliges Wohlfühlkino sein möchte, noch verbissenes Oscar-Drama – der Filmemacher mäandriert mit viel Charme zwischen Witz und Drama und offenbart dabei ein wunderbares Gespür fürs Absurde.

Die Leichtigkeit, mit der der Regisseur und Hauptdarsteller die Beziehung zwischen den beiden Cousins erzählt, während er gleichzeitig die Abgründe zeichnet, in die diese dritte Generation der Holocaust-Überlebenden blickt, ist beeindruckend und berührend. An seiner Seite ist Kieran Culkin als nerviger und doch irgendwie liebenswerter Benji eine Naturgewalt, die den Film belebt und immer wieder – zum Glück, möchte man sagen – aus seinen Angeln hebt.

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15: Bilder im Kopf

Regie: Eleonora Camizzi

Was ist real, und wessen Realität ist realer – das ist die grosse Frage im Zentrum von Eleonora Camizzis persönlichem Debüt. In ihrem dokumentarischen Werk befasst sich die Regisseurin mit ihrem Vater Vinci und mit seiner psychischen Erkrankung. «Paranoide Schizophrenie», weiss Vinci, der als kleiner Junge aus Sizilien in einem Reisekoffer in die Schweiz kam, und erzählt, wie in seinem Kopf fünf Diktatoren sässen, die jede Entscheidung unter sich ausmachen würden.

In einem weissen, kargen Raum versuchen die Regisseurin und ihr Vater, beide ebenfalls in weiss gekleidet, offenzulegen, was sich offenlegen lässt. In ihrem Dokumentarfilm dekonstruiert Camizzi nicht nur die eigene Beziehung zum Vater («Uf was wottsch du eigentlich use?», fragt dieser irgendwann genervt), sondern verhandelt gemeinsam mit ihm auch grössere gesellschaftliche Fragen von Teilhabe psychisch kranker Menschen und schwarzenbach’schem Alltagsrassismus.

Mit seinem mäandrierenden, beinahe schon essayistischen Stil ist «Bilder im Kopf» ein erfrischendes und ehrliches Debüt, das aufwühlt und berührt.

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14: The Brutalist

Regie: Brady Corbet

Das dreieinhalbstündige Drama «The Brutalist» erzählt vom (fiktiven) ungarischen Architekten László Tóth, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA reist, und dort, nach den Gräueln des Holocaust, die er überlebt hat, ein neues Leben beginnen will. Als ein Milliardär auf ihn und sein Werk aufmerksam wird, wittert Tóth seine Chance.

«The Brutalist» ist ein erbarmungsloser Film, der geschickt die systematische und systemische Ausbeutung der arbeitenden Klasse durch reiche „Philanthropen“ offenlegt. Hier hat das Versprechen des «Landes der unbegrenzten Möglichkeiten» schon vom ersten Augenblick an einen bitteren Beigeschmack. Wer hierbei nicht den Bogen zur Gegenwart, zum Aufstieg der Oligarchen und zum Umgang mit Hilfesuchenden schlägt, ist selber schuld.

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13: Sing Sing

Regie: Greg Kwedar

Auch wenn die strukturelle Ungerechtigkeit und der Rassismus des amerikanischen Strafsystems in «Sing Sing» durchaus spür- und sichtbar gemacht werden, fokussiert sich das Drama von Greg Kwedar vor allem auf das Zwischenmenschliche und die Gefühlswelt der Inhaftierten im New Yorker Gefängnis Sing Sing. Im «Rehabilitation Through the Arts»-Programms unter der Leitung des charismatischen «Divine G» sollen diese ein neues dramatisches Stück einproben. Als der aufbrausende «Divine Eye», ein neues Mitglied der Gruppe, stattdessen vorschlägt eine Komödie zu inszenieren, gerät die Dynamik in diesem Kollektiv ins Wanken.

Das Drehbuch strebt eine Nähe zu den Figuren an, für die das Theaterspielen zu einem Weg wird, aus dem Gefängnisalltag auszubrechen – und auch die Analogbilder, mit denen Kameramann Pat Scola das Gezeigte einfängt, unterstützen diese Nahbarkeit. In Erinnerung bleibt der Film aber vor allem wegen Colman Domingo: Sein «Divine G» ist ein faszinierender Charakter, eine überragende Präsenz, die uns in ihren Bann zieht. Und Domingo lässt uns vom ersten Augenblick an erahnen, was alles an Gefühlen unter der Oberfläche dieses Mannes schlummert.

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12: Heldin

Regie: Petra Volpe

Der internationale Erfolg von «Heldin», der dem Film einen Platz auf der Oscar-Shortlist für den besten Internationalen Film beschert hat, dürfte auch mit der Universalität der behandelten Thematik zu tun haben: Der Film spielt zwar hör- und sichtbar in einem Schweizer Spital, könnte aber genauso gut in jedem anderen Land erzählt worden sein. In der Hauptrolle zu sehen ist Leonie Benesch als Pflegefachfrau Floria Lind, die wir während eines hektischen Tages in einem Krankenhaus begleiten. Volpe inszeniert diese Geschichte nach dem Vorbild von atemlosen Kitchen Thrillern wie «Boiling Point» oder «The Bear» als rasantes und maximal unangenehmes Drama.

«Heldin» verliert die eigene Vision nie aus den Augen. Das verdankt der Film seinen beiden treibenden Kräften: Petra Volpe hinter der Kamera, und Leonie Benesch davor. Mit ihrem packenden Krankenhausthriller machen sie den Stress und den Notstand in der Pflege auf eindruckvolle Weise erahnbar.

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11: I Love You, I Leave You

Regie: Moris Freiburghaus

In seinem berührenden Langfilmdebüt zeigt und begleitet Regisseur Moris Freiburghaus seinen Freund, den Musiker Dino Brandão, der eine manische Episode erlebt. Mit viel Empathie erzählt Freiburghaus davon, was diese psychische Erkrankung mit Brandão macht und wie sie an dessen Selbstverständnis rüttelt – und macht gleichzeitig sichtbar, was diese scheinbare Entfesselung mit seinen Freund*innen und Familienmitgliedern anstellt.

Die grosse Stärke von «I Love You I Leave You» ist – neben der schonungslosen, manchmal überfordernden Nähe, die seine Protagonisten zulassen –, was uns der Film über männliche Fürsorge erzählt. Da kümmern sich gleich mehrere Männer – Regisseur Moris Freiburghaus, Dino Brandãos Vater Iseh sowie Musikerfreund Tillmann – mit viel Feingefühl um den jungen Mann, nehmen ihn ernst und unterstützen ihn. Diesen selbstverständlichen Umgang von Männern mit psychischer Krankheiten so sichtbargemacht zu bekommen, ist erfrischend.

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10: The Phoenician Scheme

Regie: Wes Anderson

Die Geschichte von Wes Andersons neuem Werk spielt im fiktiven Phönizien, wo der durchtriebene Geschäftsmann Anatole «Zsa-Zsa» Korda der sich um ihn zuziehenden Schlinge zu entkommen versucht. Vor dem Hintergrund aktueller Konflikte kann der Film durchaus als Abrechnung mit Oligarchen und dem amerikanischen Imperialismus gelesen werden. Der vergleichsweise ernsthafter, schwerer Ton tut «The Phoenician Scheme» gut – ebenso, dass Anderson nach einigen episodenhaften Ensemble-Werken ohne wirkliche Hauptrolle endlich wieder auf einen klaren Protagonisten setzt.

Benicio del Toro verleiht dem durchtriebenen Geschäftsmann Anatole «Zsa-Zsa» Korda viel Tiefe und Charisma – und zeigt im Zusammenspiel mit Mia Threapleton, die seine fromme Tochter Liesl gibt, gleichzeitig seine Feinheiten. Auch die Nebendarsteller*innen funktionieren diesmal einmal mehr ausserordentlich gut, etwa Anderson-Neuling Michael Cera, der den braven Lehrer Bjorn irgendwo zwischen Timothée Chalamet-Parodie und dem schwedischen ESC-Beitrag KAJ spielt.

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9: The Mastermind

Regie: Kelly Reichhardt

Wie einfach es ist, ein Bild zu klauen, zeigt Josh O’Connors J.B. Mooney in Kelly Reichhardts «The Mastermind» – scheinbar, denn die Polizei kommt dem Kleinganoven ziemlich schnell auf die Spur. Das charmante, mit einer angenehmen Gemächlichkeit inszenierte Drama ist einer dieser Filme, die schlauer sind als man selbst: Wann immer man das Gefühl hat, verstanden zu haben, wie «The Mastermind» – der Film, aber auch der titelgebende Kleinganove J.B. – tickt, schlägt Reichhardt einen erzählerischen Haken und überrascht. Erst im Gesamtbild wird erkennbar, wie gut das alles zusammenpasst – und wie rund dieses kleine Meisterwerk doch ist.

Was «The Mastermind» besonders reizvoll macht, ist Reichhardt hinter der Fassade des scheinbar Alltäglichen immer wieder die gesellschaftlichten Umwälzungen in den USA der 70er-Jahre anklingen lässt – und den Film so regelrecht mit der Ära, in der er spielt, verwebt.

8: Wake Up Dead Man

Regie: Rian Johnson

Zum dritten Mal spannen Regisseur Rian Johnson und Daniel Craig zusammen, und laden – zusammen mit einem starbesetzten Cast – zu einem überdrehten Whodunnit-Krimi. Nach dem überdrehten und ambitionierten zweiten Teil «Glass Onion» schlägt «Wake Up Dead Man» wieder sanftere Töne an. Im Norden New Yorks muss der von Craig verkörperte Detektiv Benoit Blanc den mysteriösen Mord an einem aufbrausenden Priester aufklären, der in seiner Gemeinde einen ehrfürchtigen Hass-Mob um sich geschart hat – und alle von ihnen könnten mit dem Tod des Pastors zu tun haben.

Wer bei «aufbrausenden Priester» an einen gewissen US-Präsidenten denken muss, liegt nicht falsch. Der einmal mehr hochpolitische «Wake Up Dead Man» wirkt denn auf den ersten Blick auch wie eine gottlose Abrechnung mit der katholische Kirche und konservativen Kräften, die Religion für ihre Zwecke missbrauchen – entpuppt sich aber rasch als empathischer und aufrichtiger Versuch von Johnson, Themen wie Glauben, Trost und Hoffnung mit Nuanciertheit zu begegnen, und an das Menschliche zu appelieren. Wann immer Benoit Blanc scheinbar allwissend durch die Kirche stolziert, steht da auch der von Josh O’Connor grossartig verkörperte Assistenz-Pastor Jud, der die Graubereiche des Lebens auszuhalten versucht. «Wake Up Dead Man» mag nicht ganz an «Knives Out» heranreichen – doch auch der dritte Film ist ein grosser Spass, dem es an Spannung, Witz aber auch Tiefgang nicht mangelt.

7: The Secret Agent

Regie: Kleber Mendonça Filho

Brasilien, 1977: Weil sich der Wissenschaftler Marcelo mit einem mächtigen Industriellen angelegt hat, sucht er nun in der Küstenstadt Recife Zuflucht – doch die Schergen des Businessmannes sind ihm dicht auf den Fersen. In «The Secret Agent» zeigt Kleber Mendonça Filho auf eindrückliche Weise, wie leicht ein unbescholtener Bürger ins Visier der Mächtigen geraten kann – und wie schwer es ist, dieser sich langsam zuziehenden Schlinge zu entkommen.

Dabei kreiert der Filmemacher, der selbst in Recife aufgewachsen ist, diese Welt mit viel Hingabe und bestückt sie mit glaubwürdigen Figuren, die uns alle etwas zu erzählen haben. Wie Mendonça seine Geschichte langsam aufrollt, sich Zeit nimmt und die Informationen stückweise preisgibt – und uns andere wiederum bewusst vorenthält – ist ganz grosses Kino.

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6: Left-Handed Girl 

Regie: Shih-Ching Tsou

Zusammen mit ihren beiden Töchtern zieht Shu-Fen nach Taipei, wo sie einen Nudelstand betreibt. Während sich die ältere Tochter I-Ann in einem zwielichtigen Shop als Verkäuferin von aphrodisierenden Betelnüssen durchschlägt, lässt sich das jüngere Kind, I-Jing vom Grossvater einreden, dass ihre linke Hand für ihre bösen Taten verantwortlich ist.

Vor dem Hintergrund der pulsierenden südostasiatischen Metropole Taipeh lässt Regisseurin Shih-Ching Tsou einen Familienkonflikt auf- und letztlich überkochen. «Left-Handed Girl» ist ein mit viel Liebe erzähltes Drama, das ein einengendes Familienkonstrukt beleuchtet. Wie Regisseurin Tsou die verschiedenen Handlungsstränge verbindet und schliesslich auflöst ist sowohl drehbuch- wie auch schnitttechnisch überragend. Und auch visuell kann der komplett auf iPhones gedrehte Film überzeugen.

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5: Relay

Regie: David Mackenzie

Ein atemloser Paranoia-Thriller, der mit seinen kantigen Figuren und der Verschwörungs-Aura genauso gut aus den 90ern stammen könnte. Im Zentrum: Ein bestens aufgelegter Riz Ahmed als einfallsreicher Zwischenmann, der eine ziemlich unfähige Whistleblowerin durch die Übergabe sensibler Dokumente an eine grosse Biotechfirma coacht, und gleichzeitig einen Haken nach dem anderen schlägt. Weil sich die Gegenseite, angeführt von Sam Worthingtons Agenten aber nicht so leicht übertölpeln lässt, kommen wir in den Genuss eines packenden Katz- und Maus-Spiels.

Deshalb, aber auch weil er die Realität von Menschen mit Hörbehinderung zu einem zentralen Aspekt eines Actionthrillers macht, ist «Relay» einer der interessantesten Filme der letzten Monate.

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4: One Battle After Another

Regie: Paul Thomas Anderson

Mit «One Battle After Another» ist Paul Thomas Anderson ein atemloser Thriller gelungen, der mit seiner Erzählung einer Revolution gegen das militarisierte, faschistische Amerika fast schon beängstigend aktuell ist. Mittendrin: Leonardo DiCaprio und Teyana Taylor als Freiheitskämpfer*innen, die das System aus den Angeln heben wollen – und dessen ganze Härte abbekommen. Überragend dabei: Sean Penn als grusliger White-Supremacist-Colonel, dessen nuanciertes Spiel fast schon beiläufig verstört.

Die grosse Stärke von «One Battle After Another» ist jedoch das Drehbuch, dessen kontrolliertes Schlingern während der knapp dreistündigen Laufzeit nie Langeweile oder Vorhersehbarkeit aufkommen lässt – und in der wohl eindrücklichsten Verfolgungsjagd der letzten Jahre gipfelt.

3: We Live in Time

Regie: John Crowley

«We Live in Time» ist ein ambitioniertes Werk, das der tragischen Erzählung einer Beziehung, die von einer Krebserkrankung aus den Angeln geworfen zu werden droht, mit viel Witz und Kitsch begegnet – und einer nicht-linearen Erzählstruktur. Das könnte ordentlich daneben gehen – muss es aber nicht, wie dieser wunderschöne Film zeigt.

In den Händen von John Crowley und seinen beiden grossartig harmonierenden Hauptdarsteller*innen Florence Pugh und Andrew Garfield entsteht aus diesem Stoff ein ungemein berührendes, charmantes und schlaues Werk über das Loslassen und das Zurücklassen.

2: Wallace & Gromit: Vengeance Most Fowl

Regie: Nick Park & Merlin Crossingham

Nach fünf Kurz- und Langfilmen scheint Regisseur Nick Park ganz genau zu wissen, was das Publikum von einem «Wallace & Gromit»-Werk möchte. Der Brite, der zusammen mit Merlin Crossingham Regie führt, liefert in «Wallace & Gromit: Vengeance Most Fowl» konsequent ab. Mit Feathers McGraw kehrt ein grosser Fanliebling als Bösewicht zurück, der bereits im Kurzfilm «The Wrong Trousers» – brillant als Hühnchen verkleidet – für Chaos sorgte. Sein Versuch, einen Diamanten zu klauen, wurde damals jedoch vom Erfinder-Hund-Gespann vereitelt.

In «Wallace & Gromit: Vengeance Most Fowl» will Feathers nicht nur endlich seinen Diamanten klauen, sondern auch noch Rache am Duo nehmen, das ihm damals einen Strich durch die Rechnung machte. Das Kleinstädtchen-Abenteuer, das sich im Verlauf der knapp 80 Minuten entspinnt, ist atemlos und mit viel Witz und liebevollen Popkulturreferenzen inszeniert – der ganze Reiz dieser Reihe entfaltet sich in «Wallace & Gromit: Vengeance Most Fowl» auf wunderbare Art und Weise.

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1: Sorry, Baby

Regie: Eva Victor
Content Note: Sexualisierte Gewalt

Agnes ist Professor*in und unterrichtet inzwischen an jener Uni, an der Agnes vor nicht allzu langer Zeit selber studiert hat. Eine verschmuste Katze, eine lockere Affäre mit dem lieben Nachbarn und eine beste Freundin, die weit weg wohnt und ein Kind bekommt, runden den Alltag ab. Ebenfalls immer noch präsent sind die Erinnerungen an einen sexuellen Übergriff durch einen Professor, der einige Jahre zurückliegt. Dass Agnes nun, inzwischen selber Lehrperson, auch noch ausgerechnet das frühere Büro des Täters zugeteilt bekommt, macht das Verarbeiten nicht einfacher.

«Sorry, Baby» ist ein schwermütiger Film über das Traumatisiert- und Retraumatisiertwerden und das Weitermachen, immer und immer wieder. Dass Eva Victor als Autor*in, Regisseur*in und Hauptdarsteller*in in allen Belangen spürbar die Zügel in der Hand hält, tut «Sorry, Baby» gut — davon, wie gekonnt und wirkungsvoll they den eigentlichen Übergriff inszeniert, ohne zu sensationalisieren, könnte sich manch Regisseur*in eine Scheibe abschneiden.

Etwas überraschend ist dagegen, wie gut der Film in Anbetracht seines ernsten Stoffes die regelmässigen Ausbrüche ins Komische verträgt, offensichtlich bedingt durch Victors Hintergrund als Satire-Autor*in. Etwa, wenn Agnes das kurz zuvor gefundene Babykätzchen in ein Lebensmittelgeschäft schmuggelt und es Thunfisch aussuchen lässt. Es ist ebendiese Verspieltheit und der Mut, Dinge anders zu erzählen, die Victors Debüt so menschlich, bittersüss und erfrischend aufrichtig machen.

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